Marokko

Am 1. August 2014 ging das Abenteuer für mich als Socia auf einer KTM Enduro 690 in München los. Meine Sommerferien. Vollbepackt, mit insgesamt 300 kg Gewicht inklusive Fahrer (mein damaliger Freund, werde aber in diesem Blog aus Rücksicht nur aus meiner Perspektive erzählen) und mir hinten darauf, stieg meine Abenteuerlust und Vorfreude auf den Kontinent Afrika. Auf dem Weg nach Tarifa, von wo es mit der Fähre nach Tanger gehen sollte, musste ich mich erstmal an das Fahren mit Dauergerüttel, die Abgase und Lautstärke -trotz Helm und Ohrstöpsel- des Geländemotorrads gewöhnen. Schmerzmittel halfen in der ersten Woche gegen die Rückenschmerzen, die durch regelmäßige Stöße durch das hinter mir befestigte Gepäck verstärkt wurden. Entlang der französischen und spanischen Küste konnte ich zusehen, wie sich die Landschaft, die Leute und das Klima Stück für Stück veränderte. Unterwegs sah ich als Highlight die Schlucht Grand Canyon du Verdon mit einer Tiefe von 700m, die bekannten weißen wilden Pferde in der Camargue, teure Autos und schicke Spielcasinos in Monaco und neugierige Erdhörnchen im heißtrockenen Andalusien.

Angekommen in Tanger, nach einer angenehmen kurzen Überfahrt durch die Straße von Gibraltar und Delfinbeobachtungen, startete das Abenteuer Marokko. Erstes Ziel war die blaue Stadt Chefchaouen. Ja, der Kern der Stadt war wirklich blau, auch die Unterkunft. Die Wirkung auf mich war friedlich und mit einem nostalgisch. Ich erkundete die verwinkelten Straßen, klopfte mal eine der verschlossenen Türen und genoss meine erste Tajine. Eine im Tontopf gegarte traditionelle Speise, die es in allen Varianten zu bestellen gab. Lecker!

Über Fes führte mich die Fahrt weiter durch die Todraschlucht, in der es weder Empfang noch Kontakt zu anderen Menschen gab. Hier fühlte ich mich phasenweise verloren und hilflos. Niemand würde einem im Notfall helfen können. Unheimlich…

Landschaftlich umso beeindruckter verlief die Fahrt reibungslos und nach ein paar Tagen, kam ich in Merzouga an. Die Wüstenlandschaft Erg Chebbi als auch die Temperaturen um die 45 Grad hauten mich im wahrsten Sinne um. Ich kämpfte anfänglich mit unerträglichen Kopfschmerzen und hatte Schwierigkeiten mich an dieses Klima anzupassen. Regen fiel hier laut unsres netten Kashbah- Inhabers, der sogar Deutsch sprach- nur zweimal im Jahr. Kleiner Spoiler, wir erwischten beide Tage 😉 inklusive Sandsturm. Ausfahrten in die Dünen bei Sonnenaufgang und – untergang bescherten eine meiner schönsten Momente. Die Farben, der Duft und die Stille verzauberten mich und ließen nicht nur mein Herz höher schlagen. Auch ein zutraulicher Hund, ich taufte ihn Grapfel, von Granatapfel, da ihm das Schwanzende fehlte , kürzte ich kurzerhand seinen Namen, rannte frei und glücklich dem Motorrad hinterher und legte sich später ausgepowert neben mich in den Sand. Wir hatten ein paar Stunden ausgelassenen Spaß. Ich hätte ihn so gern mit nach Deutschland genommen. Jedoch war kein Platz mehr auf dem Motorrad.


Nach fünf Tagen verließ ich diesen mystischen Ort und sehnte mich nach Staub und Trockenheit nach der Küste und dem Meer. Unterwegs konnte ich noch einen kurzen Blick auf die Filmstadt Ouarzazate erhaschen, wo unter anderem Filme wie „Gladiator“ und „Königreich der Himmel“ gedreht wurden.

Schließlich wurde ich mit einem wilden, verlassenen Ort „Asaka“ am Meer überrascht. Ort wäre jedoch zu viel gesagt. Dort standen lediglich eine Unterkunft, ein, zwei Häuser des Besitzers und seiner Familie und ein Ferienapartment von Freunden. Die Zufahrtstraße glich einer mit Schlaglöchern zerklüfteten Schotterstraße, bei der sich in mir Angst und Wut breitmachten. Wo war ich hier gelandet? Warum gab es keine gescheite Unterkunft? Lebt hier überhaupt jemand? Ich wurde eines Besseren belehrt. Die Unterkunft war einfach, aber geschmackvoll eingerichtet. Das Essen wurde deliziös mit fangfrischem Fisch zubereitet. Viele Sammelstücke, darunter ein Wal- Wirbelkörper, erzählten von einem Leben an einem einsamen, einzigartigen Ort, dessen Meer so ursprünglich und rau war, dass ich mir nur im Ansatz vorstellen konnte, wie es früher für Seeleute gewesen sein musste, wenn sie dieses Land betraten.

Die Reise führte mich weiter nach Sidi Ifni, ein kleiner Ort, an dem Einheimische gern ihren Urlaub oder das Wochenende verbrachten. Es bot sich mir ein Bild, dass alles, was Marokko bezüglich seiner Kultur, ausmachte. Kamele am Strand, eingehüllte Frauen, Fischer, mit Plastikflaschen spielende Kinder und eine fremde Sprache. Auf dem Weg gen Norden wurde es zunehmend voller und touristischer. Die großen Städte wie Casablanca oder Marrakesch wurden absichtlich links liegen gelassen.

In Essouira reichte mir der Rummel bereits. Aufgrund der Lage herrschte dort ein stetig starker Wind, den begeisterte Kite- Surfer auf den Plan rief. Lange Spaziergänge und die kühle Brise taten meinem durchgeschüttelten Körper gut.

In Oualidia legte ich mich mit der Naturgewalt Wasser an. An einem Abschnitt donnerte nämlich das Meer so an die Felsen, dass es mindestens fünf Meter in die Luft peitschte und die Strömung einen fast von den Vorsprüngen spülte. Welch Spektakel. Nach diesen ursprünglichen Erfahrungen war es Zeit für ein bisschen Kultur.

In der Künstlerstadt Asilah schlenderte ich durch die weißen Gassen mit ihren faszinierenden Gemälden an den Hauswänden, die mit ihrer Farbenfröhlichkeit etwas an „Hundertwasser“ erinnerten.

Nach einem kleinen Aufenthalt in Tanger, hieß es „ablegen nach Genua“, von wo es an meinem Geburtstag, am 11. September, in einem Aufwasch zurück nach München ging. Angefüllt mit unbeschreiblichen Erinnerungen und Erfahrungen, denke ich bis heute gern an diese einmalige Reise in diesem besonderen Land zurück. Meine Grenzen, emotional und körperlich, wurden mehrfach ausgereizt oder sogar überschritten, aber der Zauber beginnt oft erst dann, wenn du aus deiner Komfortzone trittst.



