Namibia

Irgendwo im nirgendwo nördlich von Windhoek auf einer Farm. Dort absolvierte ich ein 3- wöchiges Praktikum. Mithilfe beim Bedienen der Gäste, reinigen der Zimmer, Umstrukturierung des Souvenirshops, Smalltalk beim Lagerfeuer unter Sternenhimmel, Zaun um die Farm zum Schutz vor Raubtieren checken, neue Designideen für die Lodge sammeln und die spezielle Atmosphäre an diesem Fleckchen Erde auf dem afrikanischen Kontinent genießen. Hört sich traumhaft, nicht wahr?!



Ganz so idyllisch war es nicht. Ein Blick hinter die Kulisse verriet, wie die Uhren in Namibia ticken. Die Mitarbeiter waren stets freundlich, fast schon schüchtern, im Umgang mit uns Praktikanten. Wir waren zu dritt. Dennoch konnte ich mit der Zeit und dem damit gewonnen Vertrauen erfahren, welche Lebensgeschichte hinter diesen Menschen stand. Da war zum Beispiel eine Frau, die, weil sie einen Kollegen wegen Diebstahl verpetzt hatte, durch einen Autounfall getötet werden sollte, mit schwersten Verletzungen gottseidank überlebte. Sie beißt sich mit einem Hüftschaden und Einschränkungen in ihren kognitiven und motorischen Fähigkeiten durch das Leben und bekam hier eine zweite Chance, als ausgezeichnete Köchin, zu arbeiten. Eine andere junge Frau, von der wir alle dachten, sie wäre unter 20 Jahre alt, erzählte mit traurigem Gesicht von ihren zwei Kindern, die sie bei den Großeltern in einer weitentfernten Stadt zurücklassen musste. Nur einmal im Jahr konnte sie sie besuchen und schickte ihnen das hart verdiente Geld. Trotzdem sangen und tanzten wir regelmäßig bei den Vorbereitungen der Mahlzeiten und beim Decken der Tische, scherzten liebevoll über unsere Wünsche und Träume und umarmten uns täglich. Mein Mitgefühl und meine Hilflosigkeit wuchsen ins Unermessliche.

Und dann gab es dort noch die angestellten Männer auf der angrenzenden Holzkohlefarm, die in lumpenartiger Kleidung und mit zum Teil ausgehungerten Körpern, unter widrigen Umständen Holzkohle in Fässern produzierten. Sie schliefen in kleinen Wellblechhütten ohne fließend Wasser oder Strom. Strenge Kontrollen und stetiges Antreiben zu effizienterem Arbeiten, bereiteten mir beim Beobachten ein unwohles Gefühl. Als wären sie Tiere, die aufgrund ihrer Abhängigkeit von diesem Job, ausgebeutet wurden. Ihr Feierabend bestand aus einem gemeinsamen Essen am Feuer mit Alkohol und Zigaretten. Fernab jeglicher Zivilisation. Ohne Auto, Taxi oder Bus war der 60 km entfernte Ort schwer zu erreichen.


Wenn Gäste zu Besuch kamen, wurden die Kontraste extrem sichtbar. Viele hunderte von Euros gaben sie für ihren Aufenthalt aus. Jagdgäste (die Lodge steht für nachhaltige Jagd) zahlten sogar Beträge im vierstelligen Bereich und mehr. Abends beim Essen trafen dann beide Welten aufeinander, wobei ich die verachtenden Blicke der oben beschriebenen Mitarbeiterinnen erhaschen und insgeheim verstehen konnte. Selbst ich konnte die teilweise überhebliche Art nicht ertragen. Aber hej, diesen Mitarbeiterinnen und Angestellten ging es im Vergleich zur restlichen Bevölkerung recht gut. Armut, Arbeitslosigkeit und Kriminalität beherrschen diese wunderschöne Land. Vor diesen Schicksalen waren sie auf der Lodge vorerst sicher.


Meine Zeit dort zerrte an mir, emotional, mental und körperlich. Die Gegensätze von tollen Momenten, wie den Tiersichtungen, tiefgründigen Gesprächen und den wunderbaren Sonnenuntergängen, konnten die Schattenseiten nicht überdecken. Früher als geplant, beendete ich mein Praktikum und flog schweren Herzens nach Hause.



